Ausgabe 14 / April 2021

Blickpunkt

Muße

Inspiration & Musik
Wenn mich die Muse in der Muße küsst

Ausgabe 14 – August | September | Oktober | November 2021

Meine Erfahrungen mit Muße erlebe ich hauptsächlich im Urlaub. Und meist erst nach einer gewissen Anlaufzeit, die ich benötige, um genügend Abstand von den Anforderungen des „normalen“ Lebens (und den Erinnerungen daran) zu gewinnen. Ich weiß das deswegen so genau, weil ich dazu neige, im Urlaub zu komponieren.

Die Qualität der musikalischen Ideen, die mich in Zeiten der Muße aufsuchen, ist inhaltlich sehr verschieden von dem, was ich beruflich zu bestimmten Zwecken schreibe. Schon der Prozess der Entstehung ist vom Eintritt in eine andere Welt abhängig. Urlaub bedeutet für mich eine Rückkehr in die Natur und in eine mir noch aus meiner Kindheit bekannte Sorglosigkeit gegenüber der Notwendigkeit dessen, was „getan werden muss“. Ich kenne das Gefühl, „von der Muse geküsst zu werden“ als einen Zustand, in dem ich offen für die – natürlich schon urlaubstechnisch verklärte – Gegenwart bin und erkenne, wenn mir von meiner Muse etwas angeboten wird, was als melodisches Motiv oder als Harmoniefolge eine besondere seelische Qualität besitzt. Ich erlebe das so, dass mir etwas in einer anderen Welt geschenkt wird und ich dazu beitragen kann, es in unsere Wirklichkeit zu bringen. Die Gestalt, die sich dann durch die Arbeit mit dem gegebenen Material im Laufe der Zeit ergibt, ist nicht von vornherein absehbar. Tatsächlich bleibt die Form häufig beweglich und enthält oft auch bewusst Teile, die von der Improvisation leben und sich nicht festlegen lassen wollen.

Ich brauche anscheinend Muße, um in Kontakt mit meiner Muse zu kommen.

Die Stücke, die sich aus dieser Inspiration ergeben, haben häufig einen meditativen Charakter, nehmen auch die Einflüsse der mich umgebenden Natur auf (wie die fließende Dynamik eines Wellenschlages oder die nur vordergründig gleichmäßige Rhythmik der Zikaden) und sind manchmal vom Tempo her sehr langsam. Die Entschleunigung, die das Leben in Muße mit sich bringt, spiegelt sich im Ausdruck der Musik wieder. Wenn ich zurück zu Hause bin, wieder eingeschleust in meine täglichen Abläufe, fällt es mir nicht leicht, meine mitgebrachten Kompositionen so zu spielen, wie sie im Urlaub auf mich gewirkt haben, weil ich zurück in die Entschleunigung finden muss.

Hier kommt für mich – als außerhalb der Urlaubszeiten notwendiger Rückzugsort – die Meditation ins Spiel. Ein verinnerlichendes Zu-mir-finden und Abstand gewinnen von den äußeren Gegebenheiten hilft mir dabei, die ursprüngliche Stimmung wiederzufinden. Tatsächlich spiele ich nach dem Meditieren anders, und der Geist der im Urlaub komponierten Stücke stellt sich leichter wieder ein.

Entschleunigung durch ein bewusst gewähltes langsameres Tempo in der selbst gespielten Musik wirkt auf mich als Spieler zurück. Die Feinheiten der Artikulation, die im langsameren Tempo möglich sind (und im schnellen Tempo oft untergehen, sowohl beim Spielen, als auch beim Hören), bereichern die Seele. Der innere Erlebnisraum wird größer. Eine Resonanz, ein inneres Mitklingen mit dem Gespielten und Gehörten, kann bereits bei der Wahrnehmung der Schwingung eines einzigen Tones beginnen.

Man spricht gerne vom „Spielen“ eines Instrumentes, wenn es um die Darbietung von Musik geht. Das Spielerische ist ein Hinweis auf den Charakter dieser Tätigkeit des Musizierens, die ihre Kraft und Wirkung aus der Freiheit und Muße im Umgang mit der Muse empfangen kann. „Spielen“ unter Zwang scheint unmöglich, weil es mehr auf die unerbittlich perfekte Ausführung eines Gelernten abzuzielen scheint als auf den freien, inspirierten Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Material. Aber zur angemessenen musikalischen Umsetzung benötige ich natürlich im Hintergrund eine zuverlässige Spieltechnik, damit das innerlich Empfundene adäquat umgesetzt nach außen dringen kann. Hier hilft die langjährig erarbeitete Technik am Instrument der inspirierten Absicht, und manchmal bewirkt die Inspiration umgekehrt auch das Weiterentwickeln und Erarbeiten von neuen Spieltechniken, wenn das, was ausgedrückt werden möchte, mit den bekannten Mitteln nicht zu bewältigen ist.

Wenn die Muse nicht nur beim Komponieren zur Seite gestanden hat, sondern auch bei der Aufführung vor Publikum zur Seite steht, wirkt das Gespielte zusammen mit dem, was die Seelen der anwesenden Hörenden zu der gegenwärtigen Neu-Entstehung des Werkes beitragen. Es entfaltet sich ein größerer „innerer“ Raum, in dem die Musik (als ursprünglich in der Muße entstandene Resonanz mit der Muse) Spieler und Hörende in gemeinsamem Erleben verbinden kann. Eine inspirierte Reaktion des Spielers in der Resonanz mit den Anwesenden unterscheidet die „live“ gespielte, also „lebendige“ Musik, von der konservierten Musik, die nichtsdestotrotz ihre Berechtigung hat als historisches Zeitdokument, das eine vergangene, lebendige Begegnung in die Erinnerung rufen kann.

Die erst beim Spielen selbst entstehende Musik, die auf der Fähigkeit zur Improvisation beruht, kann der Versuch sein, einen direkten Kontakt zwischen dem Künstler und der Muse im Beisein der anwesenden Zuhörenden herzustellen. Es kann mehr oder weniger inspiriert gelingen, vielleicht eine Darbietung von bewährter Technik und von über die bewährte Technik hinausgehendem spielerischem Umgang mit den im inneren und äußeren Raum fühlbaren Gegebenheiten und seelischen Repräsentanzen sein. Die Magie der Musik kann berühren – äußerlich durch die akustischen Schallwellen, innerlich durch die Resonanz mit dem auf diesen Wellen übertragenen Erleben. So kann in geglückten Momenten auch eine Weitergabe der Erfahrung von Muße an die Zuhörenden gelingen, die sich auf das Hören und Miterleben eines Stückes einlassen, dessen Keimzelle in Muße geboren wurde.

 

Dieter Markmann-Heuscheid
Jahrgang 1961, hat seinen Wohnsitz in NRW, ist aber auch gerne woanders. Er arbeitet seit 30 Jahren als diplomierter Gitarrenlehrer und Musiker.

Ausführlicher Blick ins Heft:

Per Klick aufs Bild öffnet sich ein neues Fenster mit der Möglichkeit, in der Ausgabe zu blättern.