Ausgabe 6 / Dezember 2018

Blickpunkt

ATEMLOS

„Das Leben wird Euch zerpflücken, wenn Ihr nicht immer wieder zu Euch selbst zurückkehrt.“

Ausgabe 6 Dezember | Januar | Februar | März

Ihr Name fiel zuerst bei WDR5. Der Kollege Wiebicke moderierte einen Beitrag über „die große alte Dame der Atemtherapie in Deutschland“ – und ich bekam große Ohren. Atem? Hier?

Bisher war meine Ratgeberin Mary Burmeister* – aus der Ferne, genauer: mit einer CD. Sie hatte in einer tiefen Krise mein Herz und mein Hirn mit dem Satz gerettet: „In the breath all is“. Mir waren damals gerade alle Gewissheiten weggebrochen – die Liebe, das Selbstwertgefühl, die Freude – und dieses „in the breath all is – look to your  breath only“ war der Wendepunkt. Mit der Konzentration auf meinen Atem bin ich wieder auf festen Boden gekrochen und von da aus langsam wieder in den aufrechten Gang.

Ilse Middendorf in Berlin – wer ist das?

Eine vergnügte kleine Blondine mit tiefer Stimme, die gerade ihren fünfundneunzigsten Geburtstag gefeiert und sich von der aktiven Ausbildungsarbeit in ihrem Institut zurückgezogen hatte.

Ich war entzückt. Von ihr und dem von ihr entwickelten „Erfahrbaren Atem“. Ein „dritter Weg“ neben unbewusstem und willentlich geführtem Atmen: Ich „hole“ den Atem nicht, sondern stelle mich ihm als  Gefäß zur Verfügung. Nach einem  unterschiedlich langen Moment entströmt mir der Atem wieder. Oder, in Ilse Middendorfs Worten,  ich lasse den Atem kommen, ich lasse ihn gehen – und warte, bis er von selbst wieder kommt. Vom „machen“ ins „lassen“ kommen – das war und bleibt ihre zentrale Botschaft. Alles Folgende hängt damit zusammen: warten lernen, geduldig sein, Empfindung verfeinern, anwesend sein.

Klingt so alltäglich, dieses „anwesend sein“,

aber das eigene Wesen von innen kennenzulernen, es mit Präsenz zu füllen und dabei im eigenen Rhythmus zu schwingen – das  nährt die Seele und kann verwandeln.

Den Ablauf hat Ilse Middendorf autodidaktisch entwickelt und mit Freiwilligen aus ihren Berliner Gymnastikgruppen ausprobiert. Er gleicht einer Mischung aus Turnen und Tanz – nur viel langsamer. Sie hat auch eine Einzelbehandlung entwickelt – die Klientin liegt und die Therapeutin führt ein „Atemgespräch“ mithilfe ihrer Hände. Die Worte „Hingabe“ und „Achtsamkeit“ und „Faszien“ benutzte  Middendorf schon, als die ersten Jogger losrannten, in den Sechzigern. Inzwischen gibt es allerorts Yoga- oder „Mindfullness“-Kurse, und in jeder Reha werden „Atemtechniken“ gelehrt.

Dennoch ist der „Erfahrbare Atem“ nicht die Massenbewegung vor Yoga und Co. geworden. Das mag daran liegen, dass die Arbeit individuell ist. Und nicht immer schön.

Im „Erfahrbaren Atem“ gibt es kein „Falsch“, kein „Richtig“ – kein Übungsprogramm, das man sich draufschafft und dann „kann“ – sondern ich begebe mich auf eine Reise zu mir selbst, mit allen Wundern und allen Gefahren, die am Weg auf mich warten. Was wir „Körper“ nennen, nennt Ilse „Leib“ – eine vom Atem bewegte  intelligente Biomasse, die dem aufmerksam Empfindenden die  Geheimnisse des Unbewussten präsentiert. Da können nach einer bestimmten Bewegung Tränen kommen, die aus der Biografie gespeist sind. Aber die kommen nur einmal, diese Baustelle ist dann verwandelt.

Jeder Mensch hat sich mit seinen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen, mit seiner Ernährung und seinen Bewegungen einen individuellen Leib zusammengelebt.

Jeder Atem hat eine individuelle Arbeit an der Durchlässigkeit dieses Leibes.

Jedes menschliche Bewusstsein muss eine individuelle Geschwindigkeit an den Tag legen, wenn es darum geht, das Ego aus dem Weg zu räumen – für den Atem.

Ilse Middendorf ist fast zehn Jahre nach ihrem Tod noch ein Geheimtipp. Mir hat diese kraftvolle kleine Frau ein Leitseil durch mein Leben geschenkt – mich führt mein Atem von einer Selbstfürsorge-Insel zur nächsten.

Bei ihrem letzten Workshop im Alter von achtundneunzig Jahren  rief sie uns zu: „Das Leben wird Euch zerpflücken, wenn Ihr nicht immer wieder zu Euch selbst zurückkehrt.“

In diesen Zeiten – wo wir oft kollektiv den Atem anzuhalten scheinen – tut es gut, zu spüren, wie das Leben in uns schwingt – wie im Atem alles ist.

* US-Amerikanerin mit japanischen Eltern, die die japanische Lehre des Jin shin jyutsu für den westlichen Kulturkreis „übersetzt“ hat.

 

Sabine Brandi

Sabine Brandi
Journalistin, Moderatorin und Beraterin. Als Radiofrau ist sie wöchentlich auf WDR5 in den Sendungen „Tagesgespräch“ und „Neugier genügt“ zu hören.
www.sabinebrandi.de

 

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