Ausgabe 7 / April 2019

Blickpunkt

ICH

Selfies – Ussies – Groupies

Ausgabe 7 April | Mai | Juni | Juli 2019

Beim Thema Ich führt kein Weg vorbei an dem Trend, sich selbst mit dem Handy zu fotografieren und dieses Bild dann zu veröffentlichen. Das Selfie. Was anders heißt, wenn der Hund mit aufs Bild kommt – Pelfie – aus der Luft fotografiert wird – Luftie – eine oder mehrere andere Personen zu sehen sind – Ussie.

Bei der Recherche zum Thema habe ich einiges erfahren: Selfies werden häufiger von Frauen gemacht und veröffentlicht. Weltweit die meisten von Indern – also Inderinnen – und dort – also in Indien – gebe es auch die meisten Todesfälle infolge der Versuche, ein Selfie zu machen. 2017 sind angeblich mehr Menschen beim Aufnehmen von Selfies ums Leben gekommen als durch Angriffe von Haien – Ach!

Das Selfie habe die Dia-Shows früherer Jahre abgelöst. Früher seien wir vor den Dias der anderen geflohen, heute folgten wir freiwillig Bloggern und Influencern.

Zum Selfie gehört der Selfiestick (s.o. Luftie). Nach meiner subjektiven Einschätzung gibt es die meisten Selfiesticks in Rom, zumindest aber die Käufer und Verkäufer dazu. Oder liegt es daran, dass die Stadt so voll ist? Egal – je mehr Menschen, umso mehr Selfies, je mehr Selfiesticks, umso mehr Todesfälle infolge der Selfieherstellung (s.o. Indien).

Selfiesticks in größeren Mengen habe ich auch in der Provence gesehen. Gemerkt habe ich mir die schöne Szene, die sich in den blühenden Lavendelfeldern rund um die sehenswerte Abbeye de Sénanque abspielte. Hier hockten tief geduckt am anderen Ende des Selfiesticks Touristen aus Japan mitten im Lila der Lavendelblüten, gekleidet wie Michael Jackson (Tropenhelm, Mundschutz, Sonnenbrille) und fotografierten sich selbst mit sichtbarem Vergnügen. Ein unvergesslicher und heiter machender Anblick.

Angeblich gibt es Menschen, die keine Stunde vergehen lassen, ohne ein Selfie in den sozialen Medien zu veröffentlichen. Solches Verhalten wird von sachkundigen Menschen diagnostiziert. Die häufigsten Diagnosen lauten: Narzissmus und Psychopathie sowie die Sucht nach Selbstbestätigung und Selbstvergewisserung. In der Fachsprache „Ego-Boost durch Likes“.

Hat es Krankheitswert, ein Foto von sich selbst zu machen, egal, ob das eigene Essen mit aufs Bild kommt, der Hund oder was auch immer? Sich selbst zu betrachten, zu präsentieren, ist Teil des üblichen Repertoires menschlichen Verhaltens. Für einige mehr, für andere weniger. Hat je einer Diagnosen genannt über die Angewohnheit bildender Künstler, Selbstporträts zu gestalten und öffentlich zu machen?

Lydia Korte, die an der Uni Siegen über Selfies forscht, wurde gefragt, ob die „Generation Selfie“ oberflächlich sei. Sie sagt, jugendliche Menschen teilten einfach ihre Fotos mit Freunden, die sie auch im echten Leben haben. Sie interagieren damit visuell. Das täten übrigens auch ältere Menschen. Danke, Frau Korte! Aus dieser Perspektive betrachtet, scheint das Selfie die zeitgemäße Version der Postkarte.

Dass Menschen Dinge, die sie tun, übertreiben kommt vor. Beim Essen, beim Trinken, beim Autofahren. Beim Fotografieren eben auch. Wenn wir von uns genug gesehen und gezeigt haben, dann hört das auch von allein wieder auf. Bei den allermeisten jedenfalls, da bin ich mir ziemlich sicher.

Ein sehr schönes Selfie hat mich mal von meinem Sohn erreicht: Da hatte ich mir an meinem Geburtstag frühmorgens im strömenden Regen den rechten Vorderreifen platt gefahren. Meine Stimmung war dem Wetter entsprechend: Abgrundtief grau und trostlos! Da schickt er – der sich sonst selten auf meinem Handy meldet – mir ein Selfie: Augen zu, den Mund zum dicken Kuss präsentiert. Die ohnehin markante Nase durch die Perspektive dominant wie die von Miss Piggie. Mein Kichern über sein arg verändertes Aussehen hat mich erheitert und auch getröstet. So konnte dieses Selfie Gutes bewirken.

Das Fachwort dafür? Tröstie!

 

Rosemarie Schettler

Rosemarie Schettler
Hauptamtliche in der TelefonSeelsorge Duisburg Mülheim Oberhausen und dort Leiterin der Krisenbegleitung für Suizidgefährdete

 

Ausführlicher Blick ins Heft: